direkt aus den Ateliers
Aus der Einführung von Otto Rothfuss (leicht gekürzt) zur Ausstellung von Armin Steudle "Geschichtliche Bilder" im Januar 2011 in der städtischen Galerie Filderstadt, gefunden in Internet unter: www.staedtische-galerie-filderstadt.de/Vorlagen/EinfuehrungSteudle.pdf. Sofern die im folgenden Text angesprochenen Bilder Armin Steudles nicht bei kunstausstuttgart zu sehen sind, können sie auf Armin Steudles Website betrachtet werden – siehe unter Links.
„Malerei interpretiert und schafft Realitäten, das macht Malerei so faszinierend und identitätsstiftend. Der Fokus liegt bei den „Geschichtlichen Bildern“ Armin Steudles auf der radikalen, also nach den Wurzeln suchenden Analyse, der Lage- und Zeitkritik, die Einblicke, aber keine Ausblicke, keine Utopien anbietet. Es entstehen sehr komplexe, souverän gemalte Bilder, die anachronistisch Darstellungen geschichtlicher Geschehnisse kombinieren und sich so von Historienbildern unterscheiden, welche einen einzelnen zeitlich festgelegten Vorgang dokumentieren, denken Sie etwa an den Württemberger Carl von Häberlin.
Die historischen Vorlagen sind vergrößerte, häufig mit anderen Zitatelementen durchsetzte oder in andere Medien übertragene Ausschnitte (etwa gemalte Radierungen oder Holzschnitte) aus Darstellungen alter Meister, aber auch historische und zeitgenössische Fotografien. Es handelt sich dabei oft um Bilder der Lieblingsmaler Armin Steudles, wie er sie bei seinen intensiven Studien im Louvre während seiner Pariser Studienzeit oder in den Uffizien kennen lernte, und die sich zur kritischen Illustration heutiger Probleme oder aktueller Prozesse verwenden lassen. Zu nennen sind in diesem Kontext die signifikanten Namen von Jacques-Louis David, Eugène (Ferdinand Victor) Delacroix; Hugo van der Goes, Dirk Bouts, Pieter Brueghel, Rembrandt, Memling, Dürer.
Seine mit Acrylfarben auf Leinwand ausgeführten malerischen Zitate, die laute Farbsignale, aber auch koloristische Delikatesse kennen, werden grafisch-linear konterkariert durch Schülerzeichnungen, die den malerischen Pomp auf die Ebene comic-ähnlicher Volkstümlichkeit transponieren. Als drittes Element fügt der Künstler ein abstrahiertes oder informelles Bild bei, das den Stimmungsgehalt verstärkt oder ihm widerspricht. Eine derartige formale Trias, die vielschichtige Bedeutungsebenen generiert, ist bei den meisten Arbeiten konstitutiv.
Das Bild „Aufbruch“, 200 x 520 cm, zeigt die größte Zitatenwucht. David, zu seiner Zeit als größter Maler Europas gefeiert, löste das Rokoko mit klassizistischem revolutionärem Pathos ab und malte 1784 den „Schwur der Horatier“, als dramatischen Impetus gegen die Staatsautorität, als einen tragisch endenden Aufbruch zu neuen politischen Ufern, dessen Aggressivität hier gemildert ist durch die lineare Gestaltung der Vaterfigur und der drei Schwerter. Den Horatiern antwortet im Bild Armin Steudles der klassizistisch-romantische Historienmaler Delacroix mit einem reduzierten Zitat aus „Die Freiheit führt das Volk an“, 1830, das zwar den Aufbruch in die Freiheit meint, aber für uns doch die gescheiterte Revolution assoziiert. Die Verbindung zwischen beiden Positionen stellen die apokalyptischen Reiter Dürers her, wobei sich das Geschehen auf der optimistischen, aber souverän integrierten Hintergrundfolie des zeitgenössischen Shanghai abspielt.
Von Wucht erfüllt ist das beinahe vier Meter breite Bild „Anbetung der Hirten“. Die aufgewühlte Gruppe der Hirten rechts stammt vom Altar eines weiteren Malers, den Armin Steudle bewundert: Hubert van der Goes, der als erster bereits im 15. Jahrhundert extremste Gemütszustände darstellte. Die lineare Umsetzung der Hirten hält die ganze Komposition zusammen. Ihre Anbetung ist auf den wie gekreuzigt ausgebreiteten Korpus eines Opfers in einem KZ gerichtet, dem Ort, der folgerichtig Ziel des im Zentrum stehenden Höllensturzes nach Memling ist. Ein Teufel verbindet mit seinem auf das World Trade Center gerichteten Morgenstern den linken Bildteil.
Es wäre lohnend, aber vielleicht überfordernd, Sehhilfen zu den übrigen Bildern Armin Steudles zu geben, aber die Gruppierung nach Titeln gibt doch die Stoßrichtung des Künstlers vor. Neben aktuellen Bezügen wie zur Weltwirtschaftskrise und der Deep-Water-Horizon-Katastrophe finden wir auch weit ausholende künstlerische Kommentare zur Deutschlandproblematik: „Deutschlandbild“, 2009, „Marktwirtschaft Nr. 1, 2, 3“, 2009, das großartige einteilige Jugendbild „60 Jahre soziale Marktwirtschaft“, 2008, „Nachtbild“, 2009, das um Berlin kreist. „Guantanamo“, 2009, dann allgemeiner: „Historie, Dirk Bouts“, 2008, „Marat“, 2008, „Napoleon auf dem Großen St. Bernhard“, 2006, u.a.
Die Fülle der Assoziationen, die sich beim Lesen der Bilder Armin Steudles einstellen, ist überwältigend und in einer kurzen Begegnung kaum auszuschöpfen, dazu hin sind viele Realitätsfragmente fast unkenntlich und bleiben rätselhaft. Mit kleineren malerischen und grafischen Setzungen entstehen neue Motive und auch Verbindungen zu anderen Reihen des Gesamtwerks, vor allem der Exotikserie. Alle Bezüge werden vom Künstler bewusst kalkuliert, nichts bleibt zufällig und ist daher so wirksam. Hut ab vor diesem Parforce-Ritt durch die Kunstgeschichte, bei dem unsere globale geschichtliche Situation den labyrinthischen Weg gewiesen hat.“